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LANDSCHAFTSVERBAND RHEINLAND
Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege

Archäologie im Rheinland
2004
Eine römische Müllkippe
von Christoph Reichmann
urch Zufall stießen Raubgräber in einem Gartengelände am Krefelder Hafen auf eine sehr ergiebige Fundstelle römischer Keramik (Abb. 1). Obwohl
das dicht an der nördlichen Ausfallstraße des Kastells Gelduba und nicht weit entfernt vom Rheinufer gelegene Gelände unter Denkmalschutz steht, nahmen sie umfangreiche Schürfungen vor. Eine Nachuntersuchung durch das Museum Burg Linn ergab dann, dass sie eine römische Müllkippe angeschnitten hatten. Leider war die Grube zu diesem Zeitpunkt schon zum größten Teil ausgeräumt. Da regelrechte Müllkippen, jedenfalls im Umkreis der niedergermanischen Kastelle bislang kaum gefunden wurden, handelt es sich dennoch um einen interessanten Befund. Zwar ist klar, dass der Müll in militärischen Anlagen systematisch entsorgt worden sein muss, doch geht man bei den am Rhein gelegenen Kastellen meist davon aus, dass der Müll über die Uferböschung ins Wasser gekippt wurde und sich daher in der Regel einer genaueren Untersuchung entzieht.
Entstanden war die vorliegende Müllkippe offenbar aus einer Lehmentnahmegrube, die man vor allem beim Bau des ersten Kastells (um 70 n. Chr.) ausgebeutet hatte. Im Allgemeinen ist der Gelleper Hügel von sandigen Ablagerungen bedeckt, doch gibt es stellenweise, vor allem an den Rändern, auch einige lehmige Bereiche. Für Töpfereizwecke reichte die Qualität sicherlich nicht aus, wohl dagegen für die Herstellung von Estrichen, Wandfüllungen oder andere Bauaufgaben. Die Grube maß ungefähr 8 x 12 m und reichte nur bis 1,60 m unter die heutige Oberfläche, da in dieser Tiefe der stark verdichtete Kies der Niederterrasse einsetzt. Wohl wegen der starken Verdichtung scheint man den Kies hier nicht weiter abgebaut zu haben. An den Rändern der Grube zeigten sich einige Stellen, an denen zu stark sandiges Material beim Abbau rückwärtig wieder eingefüllt worden war. Da hier z. T. Müll
abgedeckt wurde, muss der Abbau auch nach der Inbetriebnahme als Müllkippe - mindestens gelegentlich - weitergegangen sein.
Die Füllung der Grube war größtentei‘s schwärzlich-humos und mit zahlreichen Kieseln durchsetzt. Das deutet auf einen hohen Anteil von Kehrgut
und zwar nicht nur aus Innenräumen, sondern auch von den kiesgepflasterten Straßen des Kastells hin. Allerdings fehlten weitgehend eindeutige Küchenabfälle. Zwar gibt es immer wieder einzelne Knochen und Knochenstücke im Fundmaterial, doch fallen diese im Verhältnis zur Keramik kaum ins Gewicht. Offenbar hat man den Müll getrennt und die übel riechenden Küchenabfälle an anderer Stelle - wohl im Rhein - entsorgt. Wenn - so im erhaltenen Bereich nur noch an einer einzigen Stelle deutlich nachweisbar - doch einmal ein Korb oder eine Karrenladung Küchenabfall abgekippt wurde, geschah dies vermutlich verbotswidrig, denn diese Art Abfall dürfte in der Nähe des Kastells zu unangenehmen
Geruchsbelästigungen geführt haben.
Da die Grube nicht sehr groß war und zudem aufgrund der Gefäßkeramik von ungefähr 70 n. Chr. bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts als Müllkippe gedient hat, möchte man zunächst annehmen, dass nur wenige „Reinigungskolonnen“, vielleicht die dem Nordtor (in Gellep der porta principalis sinistra) am nächsten stationierten, hier ihren Kehricht regelmäßig entsorgt haben, doch dagegen sprechen sowohl topographische Erwägungen als auch die Fundzusammensetzung.
Zahlreiche, meist beschädigte Melonenperlen, die häufig das Pferdegeschirr zierten, deuten auf das Ausfegen von Stallgassen und Straßen. In den Kasernen- bereich gehören die relativ häufigen Soldatenfibeln sowie reichlich Gefäßkeramik, darunter viele Bruchstücke der üblichen Teller und Tassen aus glatter Terra Sigillata mit den beim Militär beliebten Besitzereinritzungen (Grafitti). Eine beträchtliche Fundmenge stammt jedoch offensichtlich auch aus den Lagerwerkstätten. Es handelt sich um Eisenschlacken, Ofendüsen und Buntmetallabfälle (Abb. 2), vorwiegend Schnittbleche und Drahtstücke, aber auch zahlreiche Reste von Schmelztiegeln, darunter auch einige vollständige Exemplare (Abb. 3). Vermutlich verdanken wir dieser Fundgruppe den Umstand, dass die Grubenfüllung schon in römischer Zeit durchwühlt wurde. Wahrscheinlich machte der relativ verschwenderische Umgang des römischen Militärs mit Metallresten die Grube für Dritte,
Bewohner aus dem vicus oder dem weiteren Umland, als Rohstoffquelle interessant. Schließlich deuten die in einigen Bereichen gehäuft vorkommenden Bruchstücke wertvoller Gläser und reich dekorierter Reliefsigillata-Gefäße darauf hin, dass auch das Kehrgut aus den Offizierswohnungen häufiger in die Kippe gelangte. Auf ausgefegte Schreibstuben weisen Siegelkapseln und auf Sanitätsbereiche Bruchstücke medizinischer Instrumente. Nur in geringen Mengen gab es Bauschutt, meist
Ziegelbruch, denn gewöhnlich scheint man das gröbere Material zur Planierung von Baugründen oder bei der Anlage von Fundamenten wieder verwendet zu haben. Möglicherweise gehören auch einige größere Knochen, die verstreut im Fundgut auftauchten, in die Kategorie Bauschutt. Gemeint sind damit vor allem Knochen von Pferden und Menschen, die wahrscheinlich als Altknochen bei Erdarbeiten aufgefunden wurden, denn schließlich errichtete man Kastell und vicus um 70 n. Chr. mitten auf dem Schlachtfeld vom Herbst des Vorjahres. Anscheinend decken die aufgefundenen Abfälle alle Bereiche innerhalb des Kastells ab. Das fügt sich zu der Überlegung, dass übel riechende Abfälle Sinnvollerweise nur unterhalb des Kastells in den Strom entsorgt
wurden und somit der „normale Entsorgungsverkehr“ zwangsläufig das Nordtor zu nehmen hatte. Die Lehmentnahmegrube lag hier zufällig bequem am Wege. Vermutlich durften die Soldaten sie aber nur dann nutzen, wenn sie lediglich kleinere Mengen weniger übel riechenden Kehrichts zu entsorgen hatten.
Literatur:
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